Forschung

Fragment für Fragment aus der Antike in die Gegenwart
Ein Team des Instituts für Mediengestaltung hat die verlorenen Figuren der Großen Mainzer Jupitersäule digital rekonstruiert – in Kooperation mit dem Landesmuseum Mainz, dem i3mainz und der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Damit ist das römische Monument erstmals wieder vollständig zu sehen.
Die Große Mainzer Jupitersäule gehört zu den bedeutendsten römischen Denkmälern nördlich der Alpen. Errichtet zwischen 59 und 67 n. Chr., war sie dem höchsten römischen Gott gewidmet – zum Wohl Kaiser Neros. Einst 12 bis 13 Meter hoch, trug sie 28 Figuren und eine bronzevergoldete Jupiterstatue. 1905 stießen Arbeiter in einem Hinterhof der Mainzer Neustadt auf rund 2000 Steinfragmente, aus denen Archäologen die Säule später wieder zusammensetzten. Heute misst sie noch etwa 9 Meter in elf Segmenten; viele Reliefs sind beschädigt oder ganz verloren.
Vom Scan zur Rekonstruktion
Grundlage des Projekts ist die vollständige 3D-Digitalisierung durch das Institut für Raumbezogene Informations- und Messtechnik (i3mainz). 2023/24 wurden alle elf Segmente im Museumsmagazin photogrammetrisch erfasst und in texturierte 3D-Modelle überführt.
Auf diesen Daten setzte das Team um Prof. David Scherr auf: In einem aufwendigen, weitgehend manuellen Prozess wurden die Figuren aus dem Relief herausgelöst, historisch und stilistisch plausibel ergänzt und wieder in die Säule eingefügt – modelliert in ZBrush und Maya, aufbereitet in Marmoset Toolbag.
Archäologisch begleitet wurde die Arbeit von Dr. Patrick Schollmeyer vom Institut für Altertumswissenschaften der JGU, der antike Vergleichsstücke heranzog, um zerstörte Figuren plausibel ergänzen zu können. Eine besondere Herausforderung: Außer wenigen Aufnahmen von 1906 gab es kaum brauchbares Bildmaterial – stark fragmentierte Bereiche wurden so stellenweise zum Puzzlespiel.
„Jede Figur war ein eigenes kleines Puzzle: aus dem Relief lösen, mit Blick auf antike Vorbilder ergänzen und wieder in die Säule einfügen.“
Prof. David Scherr, Institut für Mediengestaltung

Vorher – nachher
Scan vor der Ergänzung, digitale Rekonstruktion und Referenz des Landesmuseums – am Beispiel der Reliefs von Rosmerta und Merkur, Victoria und Vesta.



Ab 2026 im Landesmuseum Mainz
Damit die virtuelle Säule erlebbar wird, hat Malte Kropp im Rahmen seiner Bachelorarbeit eine webbasierte interaktive Anwendung entwickelt. Auf Bildschirmen neben der Originalsäule können Besucherinnen und Besucher das Monument künftig drehen, vergrößern und im Detail erkunden. Zusätzlich sind 3D-Drucke der rekonstruierten Fassung geplant – etwa als Tastmodell für blinde und sehbehinderte Menschen.
„So wurde die Säule noch nie gezeigt“, sagt Dr. Ellen Riemer, die zuständige Archäologin am Landesmuseum. Für das Institut war das Projekt eine besondere Erfahrung: feine handwerkliche Arbeit und die Auseinandersetzung mit der Geschichte direkt vor Ort – ein Musterbeispiel für das Zusammenspiel von Archäologie, Gestaltung und Informatik.
Projektteam
Leitung: Prof. David Scherr (Institut für Mediengestaltung, Hochschule Mainz)
Rekonstruktion: Aleksandr Borozdin, Clara Schött, Aaron Franz, Malte Kropp, Noah Voss (Studiengang Zeitbasierte Medien)
3D-Erfassung: Jörg Klonowski, Laura Raddatz (i3mainz)
Archäologische Beratung: Dr. Ellen Riemer (Landesmuseum Mainz, GDKE), Dr. Patrick Schollmeyer (JGU Mainz)
Förderung: Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz
Mehr zum Projekt: i3mainz – Große Mainzer Jupitersäule · Projektdokumentation von Aleksandr Borozdin
Bildnachweis: Rekonstruktionen Aleksandr Borozdin / Hochschule Mainz; Referenzaufnahmen Landesmuseum Mainz (GDKE); .