Symposium


Das Internet vergisst nichts?
Von wegen!

Prof. Dr. Tilman Baumgärtel

Tatsächlich verschwindet jeden Tag digitales Kulturgut – Websites, die vom Netz gehen, E-Mails, die gelöscht werden, Apps, die nicht mehr aktualisiert werden, Dateien, die keine Software mehr lesen kann, Spiele, die auf der neuen Konsole nicht mehr laufen. Wenn nicht in absehbarer Zeit digitale Relikte gesammelt werden, könnten von unserem Zeitalter wegen der zunehmenden Digitalisierung aller Lebensbereiche irgendwann keine Dokumente übrig bleiben und unsere Gegenwart als ein „dunkles Zeitalter“ gelten, über das die zukünftige Menschheit wenig wissen wird.

Digitales Kulturgut

In dem Symposium Kultur Back-Up. Zum Erhalt von digitalen Kulturgut stellten Medienwissenschaftler, Archivarinnen und Archivare, Kuratoren und Künstlerinnen aus Deutschland, Holland und den USA Ansätze vor, wie sie dem schleichenden Verlust von digitaler Kultur begegnen. Die Veranstaltung gehörte zu dem Forschungsprojekt „Van Gogh TV. Erschließung, Multimedia-Dokumentation und Analyse ihres Nachlasses“, das die Hochschule Mainz zusammen mit der Universität Bonn durchführt und das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wird.

Panel 1: Tobias Steinke & Robert Sakrowski

Panel 2: Tjarda De Haan & Josephine Bosma

Panel 3: Florian Jenett, Tilman Baumgärtel & Julian Weinert

Panel 4: Tina Sauerländer

Das Medienkunstprojekt Piazza Virtuale, das die Künstlergruppe Van Gogh TV 1992 bei der documenta 9 durchführte, stand im Mittelpunkt der Auftaktveranstaltung. Die Gruppenmitglieder Benjamin Heidersberger, Karel Dudesek und Mike Hentz berichteten davon, wie sie in nur gut einem halben Jahr das Fernsehprojekt entwickelten, bei dem das Publikum sich an der Gestaltung des Programms beteiligen konnte und das darum heute als Vorläufer der sozialen Medien betrachtetwerden kann.

Am zweiten Tag der Veranstaltung stellte Michael Connor, künstlerischer Leiter von Rhizome.org, einer New Yorker Netzkunstorganisation, die Sammlung seiner Organisation vor, die seit Ende der 90er Jahre zusammengetragen wird. Nicht nur die Arbeiten, sondern auch die dazugehörige Software wird von Rhizome gesammelt und für neue Computersysteme emuliert, so dass man sich eine Arbeit von 2000 auch heute mit dem zu dieser Zeit üblichen Browsertyp online ansehen kann. Die Performance „Blackness for Sale“ (2001) von Mendi und Keith Obadike, bei der die Künstler ihre Hautfarbe bei Ebay zum Verkauf anboten, wird hingegen, nach dem Willen der Künstler, nach Ablauf der Auktion nur noch als gerahmter Screenshot gezeigt.

Gefahr der Kommerzialisierung

Oft sind es nicht unbedingt große Organisationen, sondern einzelne Individuen, die aus eigener Initiative ihren Teil zur Bewahrung von digitalem Kulturgut beitragen. Die Berliner Kuratorin Tina Sauerländer, deren Arbeitsschwerpunkt im Bereich Medienkunst liegt, hat zum Beispiel Radience, eine Datenbank für Virtual-Reality-Kunst, aufgebaut, die inzwischen die international größte Kollektion von VR-Arbeiten enthält. Zuvor waren solche Arbeiten oft schwierig zu finden, nun sind sie in einer Art virtueller Galerie im Internet zu sehen und von Ausstellungsinstitutionen auch gleich herunterzuladen, wenn sie gezeigt werden sollen.

„Wenn nicht in absehbarer Zeit digitale Relikte gesammelt werden, könnte unsere Gegenwart irgendwann als ein „dunkles Zeitalter“ gelten, über das die zukünftige Menschheit wenig wissen wird.“

Tjarde De Haan

Die Netzaktivistin Tjarde De Haan hat für das Stadtmuseum von Amsterdam das frühe Internetprojekt De Digitale Stad vor dem digitalen Vergessen gerettet. Doch diese Art von Arbeit muss langfristig auf eine breitere Basis gestellt werden. Das zeigte auch der Abschlussvortrag von Alexander Zeisberg, der für die Mediensammlung des documenta Archivs in Kassel zuständig ist: In der Vergangenheit sind zwar von der öffentlichen Hand immer wieder große Summen in Projekte zum Erhalt von digitalisierter Kulturgeflossen. Aber die wenigsten von ihnen waren nachhaltig und auf Langfristigkeit angelegt. So besteht die Gefahr, dass es früher oder später amerikanische Netzgiganten wie Google sind, bei denen sich solche Daten sammeln und dort zur Profitsteigerung von Privatunternehmen beitragen.

Eine Dokumentation der Veranstaltung findet sich auf der Website des DFG-Projekts Van Gogh TV. Erschließung, Multimedia- Dokumentation und Analyse ihres Nachlasses, das die Hochschule Mainz zusammen mit der Universität Bonn durchführt.