Ausstellung Festival Symposium

MOTYF FESTIVAL 2016

Gegenwart und Perspektiven dynamischer Schrift

Prof. Anja Stöffler

Am 24. November 2016 wurde in Mainz das internationale MOTYF Festival „Moving Types – Gutenberg goes Media“ mit Gästen aus mehr als 13 Ländern im Gutenberg-Museum eröffnet. Mit der erweiterten Nutzung von Medientechnik und der Entstehung virtueller und augmentierter Realität entsteht eine neue Faszination für Schrift, deren Konzept bisher überwiegend statisch war. Die Thematik wurde aus künstlerischen, historischen, wissenschaftlichen und technischen Blickwinkeln betrachtet.

MOTYF 2016 – Der Film

Im Rahmen des Festivals setzten in der Medienausstellung „Akademos. A Place for Poets and Philosophers“ internationale Nachwuchskünstler ihre Arbeiten audiovisuell in Szene. Zu sehen waren Poetryclips, Projektionen und interaktive Installationen. Darüber hinaus flankierten das Festival ein Symposium mit über zehn internationalen Referenten, Workshops sowie künstlerische Lyrikevents in Zusammenarbeit mit dem Künstlerhaus Edenkoben, der Akademie der Wissenschaften und der Literatur als auch Performances der Schauspielschule Mainz.

Gutenberg goes Media

Unter dem Motto „MOVING TYPES – Gutenberg goes Media“ standen multimediale Inszenierungen von Schriften und Buchstaben in zunehmend konvergierenden Medien im Mittelpunkt. Das Festival förderte und ermöglichte den internationalen Austausch von Medien- und Kreativschaffenden, insbesondere Gestaltern und Designern, Programmierern, Publizisten sowie Verlagsvertretern aus allen Bereichen dynamischer Medientexte, Schriften und Schriftkultur.

Ziel war es, zum einen der Frage nach der Zukunft von Schrift in Bewegung nachzugehen, zum anderen die interaktiven, vernetzten und mobilen Gestaltungsparameter im Spannungsfeld von Technik, Gestaltung und Information auszuloten. Die Möglichkeiten hybrider Publikationen in schrift-orientierten Medien sowie zukünftige Anwendungen im Zeitalter des „Internet der Dinge“ wurden aufgezeigt und diskutiert. Schrift ist und wird zusehends omnipräsent und wandelt sich von ihrer reinen Vermittlungsfunktion zu einem interpersonalen Akteur: in der Fläche, im Raum, in der Zeit und in sich selbst organisierenden Netzstrukturen.

Medienkunstausstellung Akademos. Philosophie und Lyrik in Bewegung

Symposium

Internationale namhafte Referenten des Design- und Medienbereichs aus Belgien, Deutschland, England, Finnland, Holland, Irland, Neuseeland, Polen, der Schweiz und  den USA trafen sich im Mainzer Gutenberg-Museum, um über das Phänomen und die Zukunft von Schrift in Bewegung zu diskutieren. Zwei Tage lang wurde auf dem Symposium „Gutenberg goes Media“ die Materie buchstäblich durchbuchstabiert: von A wie „aktueller Stand der Dinge“ bis Z wie „Zukunft und Möglichkeiten“.

Medienprofis wie Mike Meiré von M2 Meiré und Meiré oder der neuseeländische Story-telling-Spezialist Brian Lucid demonstrierten, welche Gestaltungslösungen virtuell, digital und installativ möglich sind – und zeigten dabei nicht selten völlig neue Ideen und Ansätze für künftige Gestaltung(en) auf. Die Tagung war auf diese Art und Weise eine Art Labor und Think Tank über dynamische Schrift, die unter Einbeziehung neuer Medientechniken Gestaltung verändert und somit Kommunikation erweitert. Schrift kann auf einzigartige Art unsere Aufmerksamkeit lenken, Atmosphären schaffen und erweitert somit den uns bekannten Schriftraum um ein mehrere Sinne berührendes Erlebnis.

Future Type Lab

Workshopwoche

MOTYF ist mehr als ein exklusives Wissenschaftscluster, sondern verfolgte auch nachhaltige Aspekte für unsere Medien- und Kommunikationsdesign-Studierenden und interessierte Teilnehmer. Die Workshopwoche „Future Type Lab“ bot für mehr als 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer unterschiedliche Workshops von Kalligrafie über Motiongraphics bis hin zu Virtual Reality-Anwendungen an.

Lyrikabende: Schnittstelle zwischen Literatur und medialer Inszenierung

„MOTYF steht für Interaktion, Avantgarde, Design, Kultur, Sprache und Schrift, Dialog und Forschung. MOTYF ist aktuell, aber viel mehr noch verbindet MOTYF die Geschichte des geschriebenen, gedruckten und digitalen Wortes mit Zukunftsperspek-tiven, Wissenschaft und gegenwärtigen Strömungen.“

So eröffnete Staatssekretär Prof. Dr. Salvatore Barbaro das begleitende Lyrikevent „Anthropozän“ im Dezember 2016.

Das „Anthropozän“, das menschlich neu Gemachte, der Einfluss des Menschen auf seine Umwelt, ist ein Zeitalter. Doch wie der Mensch die Welt nach seinen Vorstellungen formt, nutzt er auch die Schrift, um seinen Vorstellungen Ausdruck zu verleihen. In Kooperation mit dem Künstlerhaus Edenkoben und seinem künstlerischen Leiter Hans Thill und den beiden Stipendiaten Rike Scheffler und Manuel Niedermeier wurde ein Lyrikabend der besonderen Art veranstaltet.

Im Rahmen eines Semesterkurses entstanden Live-Projektionen aus dem Studiengang Mediendesign an der Hochschule Mainz mit Lennie Faust, Katharina Jorendt, Jonathan Kaiser, Noemi Kelemen, Selin Koca, Holger Müller, Felix Schuster und Yvonne Simon. Die Studierenden erarbeiteten in enger Zusammenarbeit mit den Autoren das Konzept für den Abend. Gemeinsam konnte ein neuartiges Programm entwickelt werden, in dem die Texte der Autoren akzentuiert gestaltet und bewegt wurden. Dies geschah sowohl mit animierter Schrift und Grafiken, filmischen Inszenierungen wie auch Zuspielungen in Echtzeit über neuere Softwareanwendungen wie V4 und resolume. Sprache und Bild ergaben somit in Echtzeit ein Gesamtkunstwerk. Das Projekt wurde zudem unterstützt von Norbert Seemayer, Sina Meyer und Seweryn Zelazny. Die künstlerische Leitung übernahmen Prof. Anja Stöffler (Gesamtleitung) und Hans Thill (Text). Im Februar 2018 wird die filmische Dokumentation mit anschließender Diskussion im Rahmen der Landeskinder-Veranstaltung im Künstlerhaus Edenkoben gezeigt.

Die Reihe der Abendveranstaltungen wurde in Kooperation mit der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz mit einer weiteren Lyrikperformance abgerundet. Mit dem Titel „Gesänge des Funkturms“, einem Sprechkonzert der Berliner Schriftstellerin und Poetin Ulrike Almut Sandig mit dem Dichter, Musiker und Kulturaktivisten Grigory Semenchuk aus der Ukraine, erhielt Walther Ruttmans Filmklassiker „Berlin ¬ Die Sinfonie der Großstadt“ (1927) einen ganz eigenen Soundtrack. Sandigs Sprechgesang und Semenchuks treibende Bässe transportierten den projizierten Film in die Gegenwart einer Großstadt, die nicht zuletzt eines ist: Magnet der menschlichen Art und ihrer sonderbaren Eigenschaft, von der Zukunft zu träumen. Die Veranstaltung fand in den Räumlichkeiten der Akademie statt.

Medienkunstausstellung

„Akademos. A Place for Poets and Philosophers”

Ein Herzstück des Festivals war auch die über mehrere Monate im Gutenberg-Museum zu sehende Medienkunstausstellung „Akademos. A Place for Poets and Philosophers“. Nachwuchsgestalter aus aller Welt waren eingeladen, bekannte und weniger bekannte Literatur mit ebenfalls multimedialen und installativen Formaten zu verbildlichen und (neu) in Szene zu setzen. Akademos wurde zum Namenspaten einer Idee von Diskurs, Lehre und dem Austausch zwischen Disziplinen und Menschen. Die Bewegtbildgestalter wurden zu Interpreten, die die Texte der Autoren als Ausgangspunkt für die eigenen künstlerischen Arbeiten – linear oder interaktiv – verwendeten. Herausgekommen ist eine abwechslungsreiche, innovative und zeitgemäße Ausstellung, die modernste Medientechnik mit vergangener, aber auch zeitgenössischer Lyrik und Poesie verknüpft. Es wurden Satzfragmente, Zitate berühmter Persönlichkeiten oder ganze Gedichte aufgegriffen und mit kreativen Gestaltungsmitteln den Besuchern gezeigt. Ausgewählt wurden 70 internationale Arbeiten, die u.a. Werke von Platon, Hannah Arendt oder Johnny Tillotson in Bild, Schrift und Ton interpretierten. Neben der einfachen Darstellung auf Bildschirmen erweiterten und bereicherten interaktive Kunstwerke und Installationen die Ausstellung. Um dies alles plastisch werden zu lassen, war die Ausstellung im Gutenberg-Museum gegliedert in acht Themengebiete formaler Gestaltung. Diese sind der Schlüssel der Präsentation. Die Exponate waren geordnet von einfachen bis hin zu komplexen Verschränkungen von Schrift und Bild mit fließenden Grenzen. Besucher konnten sowohl eine virtuelle Schriftraumerfahrung machen – in der VR-Anwendung „Panta Rhei“ –, oder sich Poesie erschaukeln mit dem interaktiven Kunstwerk „Poetryswing“.

Die Ausstellung zeigte wunderbare Darstellungen unter dem Gedanken von Akademos und bietet, nach einem Zitat von Hannah Arendt, neuen Raum für das „Denken ohne Geländer“. Junge Nachwuchskünstler zeigten die Auseinandersetzung mit der Thematik und es wurde deutlich, wie divers und mannigfaltig ein solcher Diskurs und das Denken an sich sein kann. Umso erfreulicher, dass mit Akademos nach Platons Vorbild ein Ort geschaffen werden konnte, an dem ein Austausch zwischen Autor und Gestalter, zwischen Besucher und Medienarbeiter und zwischen Animationskünstlern,
 Filmemachern, Sprechern und Komponisten ermöglicht wurde. Zahlreiche Besucher haben die Ausstellung im Gutenberg-Museum in Mainz besucht, die aufgrund ihres großen Erfolges bis Ende März 2017 verlängert wurde.

Darüber hinaus wurden die Bewegtbildarbeiten der Ausstellung im Anschluss an die Kuratierung durch Prof. Ralf Dringenberg, Prof. Ewa Satalecka und Prof. Anja Stöffler in einer ersten Version im September 2016 erstmalig in Warschau gezeigt. Die Veranstaltung wurde im Rahmenprogramm der internationalen ATypI Konferenz (International Typography Association) aufgeführt. Mit einer Projektion an die Fassade des National Audiovisual Instituts (NiNA) gelang eine erfolgreiche Vorabpremiere der Ausstellung in Warschau. Die Veranstaltung wurde zu einem eindrucksvollen Erlebnis, da auch hier die Vielfalt der Arbeiten in ihrer Thematik und Inszenierung sichtbar wurde.

MOTYF ist eine gemeinsame Marke von Moving Types, dem zzg – Zentrum Zeitbasierte Gestaltung der beiden Hochschulen Mainz (Prof. Anja Stöffler) und Schwäbisch Gmünd (Prof. Ralf Dringenberg) sowie dem polnischen Kooperationspartner PJATK – Polish Japanese Academy of Information Technology (Prof. Ewa Satalecka) in Warschau. Die Organisation des Festivals verantwortete Prof. Anja Stöffler mit dem Team Manfred Liedtke, Esther Rosskopf und Uwe Zentgraf vom Institut für Mediengestaltung in Mainz.

MOTYF 2016 in Mainz bedeutete auch eine weitere Internationalisierung: Weitere neue Partner in Dublin und in Neuseeland konnten gewonnen werden. Auch die deutsch-polnische Kooperation wird weiter ausgebaut.

Infos unter:

https://www.motyf-festival.com

https://www.moving-types.com

Facebook, Twitter: MOTYF

Das deutsche eBook zu MOTYF 2016 mit ausgewählten Texten zum Symposium, zur Ausstellung und zu den Events sowie mit zusätzlichen wissenschaftlichen und vor allem künstlerischen Beiträgen steht unter https://www.zeitbasierte-gestaltung.de/publikation/ zum Download bereit. Neben Texten und Abbildungen sind zahlreiche, eigens für diese Publikation erstellte Videos enthalten.